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Tagung:

Tangieren – Praktiken und Arrangements des Berührens in den performativen Künsten


12. und 13. April 2018

Experimentiertheater der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg


Organisiert von

Sandra Fluhrer (Erlangen) und
Alexander Waszynski (Erfurt)


in Kooperation mit Bettina Brandl-Risi und Clemens Risi, Institut für Theater- und Medienwissenschaft der FAU Erlangen-Nürnberg


mit Arrangements von Camilla Schlie, Theater Erlangen

Programmflyer

Tagungsbeschreibung

Den performativen Künsten und Kulturpraktiken eignet ein besonderes Verhältnis zu Formen des Berührens. Ritus, Tanz, Theater und Oper erzeugen multisensorische Erfahrungsräume, die sich durch die körperliche Co-Präsenz von Agierenden, Architektur, Ausstattung und Publikum auszeichnen, die in vielschichtigen Berührungsverhältnissen zueinander stehen.

So kennt etwa das Theater auf nahezu allen denkbaren Kanälen Ausprägungen des Berührens: vom Kontakt der Schauspielerkörper mit dem Bühnenboden, den Masken und Requisiten, über körperliche, verbale und affektive Gesten in der Bühnenhandlung, bis zum Gerührt-, Aufgerührt- und Bewegtwerden der Rezipienten durch auditive, visuelle, haptische und olfaktorische Eindrücke. Auch der Film erzeugt auf und jenseits der Leinwand, dem Kontaktstoff zum Publikum, unter anderem durch Kameraführung, Lichtgestaltung, Schnitt- und Montagetechnik komplexe taktile Relationen. Für die Ausstellungspraxis gilt es zu fragen, wie Exponate über das Hindernis des Berührungsverbots hinweg sinnlich erfahrbar werden können. Kulturgeschichtliche Museen laden indes auch ihre erwachsenen Besucher zunehmend zum Anfassen ein.

Den medialen und ästhetischen sowie den politischen und sozialen Voraussetzungen und Implikationen des Berührens in performativen Künsten und Kulturpraktiken geht die Tagung aus interdisziplinärer Perspektive nach. Es sind vier Sektionen geplant:

Vorfelder: Anhand von konkreten Beispielen fragt diese Sektion danach, inwiefern das Verzögern und Vermeiden, das Nichterreichen und Blockieren von Berührungen als integrale Momente des Berührens selbst gefasst werden können oder sogar müssen. In den Blick geraten ästhetische Aushandlungen und Verschärfungen des Konflikts zwischen (medialer) Nähe und (auratischer) Distanz, woran exzessive oder gewaltsame Momente ebenso teilhaben wie körperliche Strategien der Kontaktvermeidung.

 

Zeitlichkeiten: Wie verschieben sich Zeitregime auf und jenseits der Bühne/Leinwand, wie innerhalb von Ausstellungsdispositiven, wenn ‚Berühren‘ nicht als ein kontinuierlich in der Zeit ablaufender Vorgang gefasst wird, sondern als Infragestellung der Idee eines kontinuierlichen Zeitablaufs selbst? Welche ‚anderen‘ Zeitlichkeiten müssten dann, vom Berühren aus, gedacht werden? Wie verhielte sich eine solche Verschiebung zu anderen Kulturtechniken – wie Rhythmus, Ritual, Sprung, Schlag oder Fall?

 

Überforderungen: In ästhetischen Arrangements von Körperkontakten geraten nicht nur Figuren und Objekte unter Druck, sondern auch die Rezipierenden. Wie wird aus einem wahrgenommenen Berühren eine Ansteckung, eine Zumutung, ein Zuviel? Auch das scheinbar Unvermittelte ist material gebunden, an mediale Anordnungen gekoppelt. Wie bedingen und modifizieren mediale Voraussetzungen sensuelle Intensitäten? Inwiefern geraten aber auch mediale Anordnungen, indem sie anderem, beispielsweise ihrem materialen Zerfall, exponiert sind, ihrerseits an die Grenzen?

 

Berührungspolitik: In Hierarchien der Sinne findet sich das Taktile häufig nachgeordnet. Dass die Wirkmächtigkeit des Taktilen dabei unterschätzt oder abgewertet wird, macht das Berühren für Fragen des Politischen besonders interessant. Dabei liegt das Politische nicht außerhalb ästhetischer Praktiken und Arrangements des Berührens, sondern muss bereits innerhalb senso-motorischer Konfigurationen veranschlagt werden, wo bereits kleinste Berührungsverhältnisse Asymmetrien der Macht offenlegen oder hervorbringen können. Wie lässt sich, ausgehend von konkreten Inszenierungen, Textpassagen und Objekten, eine ‚Politik der Körper‘ aushandeln und in Stellung bringen? Und inwiefern vermag gerade die Materialität des Berührens ein emanzipatorisches Potenzial jenseits subjektzentrierter Handlungsbegriffe zu eröffnen?